Eine "Rolle rückwärts nach der anderen" in der Politik der Großen Koalition beklagt Handwerkspräsident Otto Kentzler im Interview mit der BILD-Zeitung. Vor allem im Osten kritisierten die Betriebe diesen Kurs. Viele beschleiche das Gefühl: "Die Politik läs
16-12-08 11:55
Alter: 2 yrs


VON: THOMAS SEYHAN




BILD: Noch vor kurzem war die Rede von einer "Lehrstellenkatastrophe". Jetzt plötzlich spricht die Wirtschaft von Nachwuchssorgen. Was ist passiert?

Kentzler: Schuld ist der Geburtenknick! In den kommenden Jahren geht die Zahl der Schulabgänger drastisch zurück. Und hinzu kommt: Zu viele Jugendliche schaffen die Schule nicht. Deshalb müssen einige Branchen wahrscheinlich bald wieder - wie in den 80er Jahren - Prämien für gute Azubis ausloben. Und wir kommen auch nicht umhin, junge Osteuropäer - Polen, Tschechen, Ungarn - zur Ausbildung ins Land zu holen. Unsere Betriebe brauchen Nachwuchs. Und wir brauchen Facharbeiter! Wenn die Einschränkungen in der EU für den Zuzug auf den deutschen Job-Markt 2009 nicht aufgehoben werden, sollte es Ausnahmen für Lehrlinge geben.

Seit Jahren klagen Handwerksmeister, dass viele Lehrlinge weder Lesen noch Schreiben können...

Kentzler: Das ist auch nicht besser geworden! Die Bildungspolitik der vergangenen zehn Jahre ist gescheitert, auch weil die Integrationspolitik gescheitert ist. Die Leistungen der Hauptschul- und Realschulabgänger werden immer schlechter. Vielfach sind Sprachprobleme der Grund. Noch immer kommen Kinder in die Schule, die nicht richtig Deutsch können. Deshalb fordern wir ein verpflichtendes Vorschuljahr für alle Migrantenkinder, in dem diese Deutsch lernen können. Denn: Ohne Sprachkenntnisse keine Berufschancen. Und ohne Berufschancen keine Integration.

Der Arbeitsmarkt brummt - aber unter Wirtschaftsexperten wird immer lauter vom Ende des Aufschwungs geredet. Geht im Handwerk auch schon die Angst um?

Kentzler: So schlimm ist es noch nicht. Handwerksbetrieben, die vor allem mit der Industrie zusammen arbeiten, geht es nach wie vor sehr gut. Allerdings hat sich das Geschäft mit Privatkunden erheblich verschlechtert. Die Leute haben einfach kein Geld. Da verzichten viele darauf, sich einen Handwerker ins Haus zu holen.

Sie fordern seit Monaten von der Regierung, Steuerentlastungen für Arbeitnehmer. Ohne Erfolg. Wie groß ist Ihr Frust über die Politik?

Kentzler: Mit der ersten Hälfte der Legislaturperiode waren wir ganz zufrieden. Doch jetzt macht die Koalition eine Rolle rückwärts nach der anderen: beim Mindestlohn, in der Rentenpolitik, in der Arbeitsmarktpolitik. Viele unserer Handwerksmeister verstehen vor allem nicht, warum die Union ihre wirtschaftspolitischen Grundüberzeugungen verrät. Besonders im Osten Deutschlands bröckelt die Unterstützung für den Kurs der Koalition - und vor allem der CDU. Dort ist die allgemeine wirtschaftliche Lage immer noch schlechter als im Rest der Republik und viele Menschen haben das Gefühl: Die Politik läßt uns im Stich.

Interview: H. Kautz, V. Köttker
Zentralverband des Deutschen Handwerks e.V








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